Meine Mutter, die Kondensmilch und ich

In einem Gespräch wurde so in die Runde geworfen, dass Ossis für irgendwas zu doof wären, weil sie in der Krippe mit Kondensmilch großgezogen wurden. Ich weiß den genauen Zusammenhang nicht mehr, ist aber auch Wurst. Die Kondensmilch hat mich übel getriggert. Persönlich und politisch. Und das kommt so:

1973 im Hause Stevanovic, Jugoslawien. Die Frau Mama packte uns für das große Abenteuer Deutschland. Sie wusste nicht wohin mit mir und so kam ich zu Krippe und Kondensmilch. Nicht lange, nur paar Wochen. Es waren halt andere Zeiten. In Deutschland angekommen, zerbrach die Familie zügig. Meine Frau Mama wusste nicht wohin mit mir und so kam ich zu Oma, einem durchgeknallten Kriegsteilnehmer mit Aggressionsproblemen. Es waren andere Zeiten. Nach unzähligen blank geputzten Kloschüsseln im Krankenhaus Neuwied und Karriere als Kellnerin, holte sie mich nach Deutschland. So weit, so Gastarbeiter. Im ganzen Jahrgang waren wir nur zwei Ausländer, denn es waren, sollte ich es nicht erwähnt haben, andere Zeiten. Im Land der Freien bläute sie mir, auch gerne handgreiflich (die Zeiten…ihr wisst schon) ein, dass ich doppelt so gut sein muss, wie meine deutschen Kollegen, und selbst dann sollte ich mich bedeckt halten. Ich sei aus dem Osten, noch schlimmer, Balkan. Zuerst Wilde und dann auch noch Kommunisten. Dass ich, als Ostler, nicht die Tiefe des Gemütes besitzen würde, Ideale wie Ordnung, Freiheit und Selbstbeherrschung zu verstehen, habe ich wöchentlich mehrmals gehört.  Mir war das egal, ich fand den Punk, fuck off an die. Ihr war es nicht egal.

Denn es kamen die 90er. Mit ihr die Sex Hotlines mit stöhnenden Frauen, die Namen unserer Tanten und Cousinen trugen und mit dem Akzent meiner Frau Mama sprachen. Kann Werbung traumatisieren, so Sigmund Freud mäßig? Warum waren meine Cousinen nicht so scharf wie…hallo! Ich war am Ausgang der Pubertät. In Filmen war der Bösewicht grundsätzlich aus dem Osten und hieß wie meine Onkel und Cousins. Manchmal war der Bösewicht Ungar, mit serbischem Namen. Ich hatte Verständnis, wer kann uns schon auseinanderhalten. Da war ein Dragan auch mal Albaner und Albaner sprachen Serbisch. Es gab kein Internet, denn…und jetzt alle im Chor: es waren andere Zeiten. Kaufte ich ein Auto, rief das Kreditinstitut bei meinem Arbeitgeber an, ob es „Stevanovic“ überhaupt gäbe. Die Geschichten über serbische Spezifika, wie ich Muslime hasse und Gewalt liebe, erzähle ich ein anderes Mal. Die sind noch lustiger.

Und plötzlich hörte es auf. Huh…ist dem tiiiiiefen westlichen Gemüt, vielleicht morgens beim ordentlichen Betten machen, ein Gedanke entsprungen, dass … nein, das war es nicht. Es kamen 2015 Leute, mit denen der progressive Geist des Westens noch weniger anfangen konnte und deswegen wurde ich vom Ost-Bimbo zum kulturnahen Migranten befördert. Bei mir hat es doch auch geklappt, mit der Integration und so. Ich brauchte mein dickes Fell nicht mehr…ein Shout Out an meine Brüder aus dem Maghreb und viel Spaß mit der Arschkarte!

Doch die Freude hielt nicht lange, differenzierte Meinungen machten sich unter Ostlern breit. Wir stehen nicht mehr verlegen und stotternd da, weil wir glauben, dass nur Elfen mit ihrer Maggie etwas so erhabenes wie eine BiFi zaubern können (esse ich heute noch, jede Woche eine Packung). Für 5 Minuten dachten wir echt, nicht die Orks zu sein. Und Boooom! da war es wieder. Osten first, Bürger second. Von der Serie habe ich alle Staffeln schon mehrmals gesehen, seit 1981. Nein, es sind nicht andere Zeiten, waren sie nie. Die Kondensmilch hat mich wieder eingeholt. Nochmal danke an meine Nafris! Ihr gebt euch alle Mühe unangenehmer aufzufallen als ich, aber wir können den Wettbewerb jetzt einstellen.

Am Wochenende Fest der Diversität: 200 progressive deutsche Frauen, 400 Kuchen und zwei Migranten. Ungelogen: Am AfD Stand bei der Kommunalwahl hatte die Hälfte einen Migrationshintergrund. Uuuund: Wer darf in Deutschland wieder die Drecksarbeit machen? Hey, das war ein Witz. Es ist leichter unter Rechten als Deutscher, als unter Progressiven als Westler anerkannt zu werden. Das macht es politisch.

Hätte meine Frau Mama das mit der Kondensmilch gelesen, wäre sie in Tränen ausgebrochen. Nicht nur wegen der Erniedrigung, da gab es echt schlimmeres. Mit jedem Spruch über Kondensmilch wurde sie daran erinnert, welchen Preis sie für ihren Mut bezahlt hat. Oh Gott ja, wir haben uns nie wirklich verstanden. Wegen ihrer ständigen Angst, unter Elfen unvermittelt als Ork enttarnt zu werden (und wegen der durchgeknallten Alten mit Aggressionsproblemen, bei der sie mich die Jahre hat sitzen lassen). Sie hat so vieles geopfert, um Westen zu sein und spielte dann doch den osteuropäischen Tanzbär mit großem Herz. Was sie, zugegeben, auch hatte. Manchmal ist eine Banane eine Banane, aber Kondensmilch in der Krippe ist nie Kondensmilch. Das macht es persönlich. In der Mördergrube, in der progressive Westler ihren tiefen Intellekt vermuten, würde ich gerne meine Gefühle für immer beerdigen.  

Ich gehe jetzt Sex Pistols hören und schieße in Gedenken an Frau Mama eine Dose Bier. Burn, Hollywood, burn. Ich bin Westen! Und Team Ork. Fuck off and die.

Fun Fact: Weil Sid Vicious unmusikalisch, aber vor allem auf Heroin war, wurde „Never Mind the Bollocks, Here’s the Sex Pistols“ ohne Bass aufgenommen.

7 Antworten zu „Meine Mutter, die Kondensmilch und ich“

  1. Avatar von 68er
    68er

    Das ist genau die Art Text, die ich gerne lese und über die ich gerne diskutiere!

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  2. Avatar von harmonypleasantly38882e19f2
    harmonypleasantly38882e19f2

    Danke, Stevanovic. Das hat mehr Qualität als das, was derzeit so als Starke Meinung publiziert wird. Wenn ich wieder in Budva/ Becici/ Montenegro bin und die immer noch Tito- sozialistische Strandpromenade mit ihren Beton-Sitzelementen und teilweise verlassenen Großgaststätten, entlang spazieren, denke ich an Sie. Und ja, ich weiß, Sie sind Serbe … Mein Vater war 1976 schon dort, Auszeichnungsreise. Er dachte, er sei im Westen. Jeden Tag war Versammlung, um zu gucken, ob noch alle DDR-Reiseteilnehmer da sind. Jugoslawien war für uns DDR-Bürger so was, wie ein Sehnsuchtsort.

    Beste Grüße!

    Stefan

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    1. Avatar von Test Bild

      Ich bin ein lausiger Serbe und als Kommunist, nun… die Sportart beherrsche ich nicht. Aber wenn Tito als Vampir wiederkommen würde, wäre ich bei den Partisanen im Wald. Schizoid … vielleicht. Bestimmt. Vielleicht schreibe ich mal drüber

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  3. Avatar von KJN
    KJN

    ‚Schreiben, was ist‘ in Bestform. Jetzt hast du aber die Latte hoch gelegt, lieber Stevan.

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  4. Avatar von Roland Ziegler
    Roland Ziegler

    Ich lese das auch gern, es liest sich ein bisschen wie Musik. Aber ich stolpere dann über den Satz: „In der Mördergrube, in der progressive Westler ihren tiefen Intellekt vermuten, würde ich gerne meine Gefühle für immer beerdigen.“Auch wenn die Sex Pistols schnell alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen, muss ich hier stehenbleiben. Im Herzen möchtest du diese Gefühle begraben. Aber warum, da kommen sie her, und was wäre dein Weg hierher, was wärst du ohne sie.

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    1. Avatar von Test Bild

      Ach, lieber Roland.

      Ich hätte nie das Happy End meiner Migrationsgeschichte gehabt, wenn mir Frau Mama hier im Westen, nicht im Osten, beigebracht hätte, meinen Frust runterzuschlucken. Die Gründe, warum mich das Ossi-Bashing triggert, liegen lange zurück. Das höre ich mir nicht seit 89/90, sondern seit 1981 an. „Im Osten lebten slawische Stämme und dann wurde Polen geteilt. Organisation ist nicht einfach, nicht wahr Herr Stevanovic?“ Ich habe mein Abitur am humanistischen Gymnasium gemacht.

      Es ist nichts Vergnügliches dran, getriggert zu werden. Statt wie geplant meine imaginären Rosen zu züchten, habe ich jetzt „Mein Name ist Kunta Kinte!“ Momente. Was soll daran gut sein?

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  5. Avatar von Roland Ziegler
    Roland Ziegler

    Daran ist so einiges gut. Frust runterschlucken haben wir nämlich alle gelernt; kann sein, dass es da größerere Unterschiede gibt – und ich will nicht sagen, dass ich besonders viel davon zu schlucken hätte bisher – aber zumindest kennen wir das im Prinzip (und es kann auch noch einiges kommen, was wir natürlich nicht hoffen wollen). Vergnüglich dran ist jedenfalls, davon zu lesen, zum Beispiel vom guten alten Kunta Kinte, den ich auch noch irgendwo abgespeichert hatte. Beerdigt im Herzen, aber noch nicht ganz tot. Übrigens habe ich direkt eine E-Mail bekommen, als du geantwortet hast – obwohl de rSchieberegler „Neue Kommentare…“ nicht eingeschaltet war – ; ich werd mal lieber eine Fantasie-Mailadresse eingeben. Ncht dass ich die Antwort nicht lesen will (im Gegenteil), aber die E-Mail will ich lieber nicht bekommen.

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