In dem Film war ich gleich zweimal:
Die Hauptfigur, Paul Gompitz, gespielt vom Charly Hübner, lebt in der DDR und möchte, wie einst, 1802, Johann Gottfried Seume nach Syrakus „spazieren“.
Aber das ist schier unmöglich 1982 in der DDR. Und der Film stellt alles, was wir derzeit über den Überwachungsstaat im Osten erzählt bekommen, vom Kopf auf die Füße: Es ist nicht der Überwachungsstaat, der Menschen dazu bringt, nach dem Westen abzuhauen. Nein, die ständige Frage:
„Du willst doch nicht etwa nach dem Westen abhauen?“
DAS IST DER ÜBERWACHUNGSSTAAT.
Sieben Jahre lang lernt Paul das Segeln, um rauszukommen. Heimlich. Und der „Überwachungsstaat“, das ist auch seine Frau, gespielt von Lina Beckmann, Charly Hübners tatsächlicher Frau im tatsächlichen Schauspieler-Leben. Die fragt:
„Paul, Du machst doch jetzt keinen Scheiß?“
Paul will doch gar nicht „abhauen“. Paul liebt doch seine Frau. Er will einen Spaziergang nach Syrakus machen, um dann glücklich wieder in ihren Armen zu versinken.
„Paul?“ Fragt sie. „Wenn Du segelst, nimmst Du mich mit als Deine Segelbraut?“
Aber Paul hält das für zu gefährlich. Er könnte ersaufen in der Ostsee dabei. Und die Frau, die er liebt, die sollte nicht mit ersaufen. Er könnte erwischt werden dabei und ins Gefängnis kommen. Und die Frau, die er liebt, die darf in kein Gefängnis.
Und wenn sie von dem Allen weiß und es nicht weiter meldet, so liest Paul sich aus dem Strafgesetzbuch der DDR vor, dann kommt sie mindestens zwei Jahre ins Gefängnis. Paragraf 225 Absatz 1 Nr. 4 des Strafgesetzbuches: „Unterlassung der Anzeige“.
Deshalb ist besser, dass sie nichts davon weiß. Die Frau, die er liebt, die soll ja nicht ins Gefängnis.
Ja doch – es gelingt.
Paul Gompitz kommt nass und glücklich mit seinem Segelboot im dänischen Gedser auf der Insel Falster an.
„Willkommen in der Bundesrepublik.“ Sagt dann der Bundesgrenzschutz. „Wir geleiten Sie nach Gießen ins Notaufnahmelager. Dort wird ihre deutsche Staatsbürgerschaft bestätigt und Sie bekommen ihren Bundes-Personalausweis.“
Aber das wollte und will Paul Gompitz ja gar nicht. Er will den Spaziergang machen. Nach Syrakus.
Zunächst fährt er zu seiner Cousine nach Bochum. Und dann noch in die ständige Vertretung der DDR nach Bonn. Paul will nicht, dass seine Frau Ärger bekommt. Und er will gewiss, wenn er in Syrakus war, in die DDR zurückkehre. Das legt er dem DDR-Diplomaten dar.
Und der sagt:
„Was denken Sie sich eigentlich? Sie haben eine schwere Straftat begangen. Und Sie wollen eine Amnestie? Na gut, hier unser Entgegenkommen: Wenn Sie noch heute in den Zug zurück in die DDR einsteigen, können wir vielleicht von Strafe absehen. Weil wir denken, dass Sie mit Geld nicht so gesegnet sind, habe ich Ihnen schon eine Fahrkarte gekauft. Da ist sie.“
Paul ist verzweifelt.
„Ich muss zurück.“ Sagt er zu seinem Bochumer Schwager. Und der erwidert:
„Paul, wenn Du das machst, bist Du dann noch Du?“
Oh, was für eine Sch… Die kenne ich doch. Von damals, als ich 1982, vorbestraft unter dem Vorwurf der versuchten Republikflucht, wieder in die DDR, nach Weißenfels entlassen wurde.
Da suchte mich jemand von der Kreisverwaltung auf. Jeder mache mal Fehler, sagte der. Aber Schwamm drüber. In der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft zu Burgwerben suchten sie einen Brigadier für die 10 Gurken-Zelte. Das wäre meine Chance. Ich könnte Gärtnermeister werden dabei. Sie würden auch den Meisterlehrgang bezahlen.
Ich hätte aber einen Ausreiseantrag sagte ich und der erwiderte, dass ich den natürlich zurückziehen müsste. Sonst mache das keinen Sinn.
Aber wenn ich das getan hätte, wäre ich dann noch ich?
Paul Gompitz will bleiben, der er ist.
Und zieht los. Zu Fuß. Bis Syrakus.
Jeden Tag schreibt er Karten an seine Frau.
Zu der er zurückkehren wird. Jetzt per Anhalter. Ein italienisches Ehepaar nimmt ihn mit.
Und nachts auf dem Brenner – „Stell mal das Radio lauter!“ – da verkünden die Nachrichten, dass in Ostberlin die Grenzübergänge geöffnet seien. Es ist der 9. November 1989. Paul kann das alles gar nicht glauben.
Den Wohnungsschlüssel hat er noch. Er kehrt zurück in die Rostocker Wohnung.
Happy End?
Nein! Seine Frau ist nicht mehr da. Er habe seine Reise gemacht, jetzt mache sie ihre.
Dann irgendwann kommt die Scheidung.
„Spaziergang nach Syrakus“ – Ein großes Epos über die Freiheit und die Liebe.
Musste ich mir gleich zwei Mal ansehen.
Spaziergang nach Syrakus | Homepage zum Film – Ab 20. August 2026 im Kino
Bodo Walther
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