Da die kontroversen Diskussionen über den anregenden Text von Alan Posener auf starke-meinungen.de wahrscheinlich wieder zu lang waren, möchte ich das Thema hier nochmal aufgreifen. Denn hier ist er ja, der Platz zum Widerspruch. Und auch zum aneinander vorbei reden, aber auch hier mit der Bitte, vor dem Schreiben erst mal zu überlegen, ob es wirklich eine direkte Erwiderung auf das Geschriebene ist. Und ob dem Anekdotischen, selbst Erlebten wirklich eine allgemeinere Bedeutung zukommt. Im Zweifel reden wir darüber..
Vita und Bedeutung des genannten mehr als nur erfolgreichen Technologie-Investors – er ist einer der reichsten Menschen der Welt – kann an vielen Stellen nachgelesen werden, hier soll es um sein Verhältnis zur Demokratie gehen, der er eine „Inkompatibilität“ zu Freiheit und technologischen und wirtschaftlichem Fortschritt attestiert. Und – ich sehe vieles grundsätzlich anders als er – in dem Punkt stimme ich ihm voll zu. Denn die Gründe dafür sind lange bekannt und erwiesen.
Als Investor/Unternehmer weiß er, dass nur Hierarchien mit ihrer Pyramidenform das Überleben von Unternehmen jeglicher Art, die sich in einer Konkurrenz bewähren müssen, sichern. Aufgrund ihrer pyramidenförmigen Personalstruktur, wo Wissen, Information und Macht an der Spitze des Unternehmens zusammenfließen. Hier wird entschieden, mit Kunden verhandelt, die Richtung festgelegt und ggf. Belegschaft gefeuert. Die physikalische Analogie zu hohem Druck und hoher Wirkung an Spitzen und scharfen Klingen ist treffend. Die Pyramide wird nicht an ihrer Spitze angegriffen. Jedem erfahrenen Angestellten ist klar, dass seine Mitwirkung an diesem Theaterstück namens ‚Firma‘ nur dann erfolgreich sein kann, wenn er dieses Spiel mitspielt. (Und jedem leitenden Angestellten und auch dem CEO sollte klar sein, dass erfolgreiches Handeln und ‚Ego Show‘ sich nicht vertragen. Das konnte ich mir jetzt nicht verkneifen.)
In Unternehmen herrscht also keine Demokratie. (Und Wissenschaft ist auch keine Demokratie. Und das konnte ich mir jetzt auch nicht verkneifen.)
Also in die Wirtschaft und in die Wissenschaft gehört sie nicht, die Demokratie. Also wo gehört sie hin? Ihr Alleinstellungsmerkmal ist bekanntlich, dass ein Staatsoberhaupt abgewählt werden kann. Wir dürfen also entspannt feststellen: Sie gehört zum Staatswesen. Um sie im gesamten Staatswesen anwenden zu können, wurde das Subsidiaritätsprinzip angewendet, so dass auch Ortsvorteher /Ortsbürgermeister selbstverständlich gewählt und abgewählt werden können (falls sich noch jemand für so ein Ehrenamt mit gewissen Freistellungen findet, leider ist das nicht mehr ganz selbstverständlich, seid also nett zu euren Ortsbürgermeistern!).
Demokratie funktioniert also da, wo Interessen ausgehandelt und abgeglichen werden müssen und da liegt auch ihr derzeitiges Problem: Welche Interessen sind Gegenstand dieser Aushandlung, dieses Abgleichs? Was ist öffentlich, was privat? Wer bekommt welche (Sonder-)Rechte aufgrund von Mehrheitsentscheidungen zugesprochen und warum – und was darf noch das das Patriarchat (in der Eifel das Matriarchat) entscheiden, was der Pastor, der Imam und was Prof. Karl Lauterbach? Muss eine Volksabstimmung erfolgen, bevor ich mein Garagentor lila streiche? Oder gar blau? Mittlerweile meinen viele, man wäre nur ein Demokrat, wenn man eine Partei keinesfalls wählt. Sie nennen das Demokratie bzw.‚Unsere Demokratie‘. Vereinnahmung, Übergriffigkeit und offene Pandorabüchse und viele Köche verderben den Brei. Und das im klassischen Oberlehrer und Besserwisserland. So ziemlich das Gegenteil von Handlungsfreiheit und individueller Freiheit überhaupt. Dagegen gibt es als Antidot Verfassung und den Rechtsstaat, was oft insbesondere von denen vergessen wird, die ‚Demokratie‘ mit Freiheit, Wohlstand, Liberalität, ‚soziale Gerechtigkeit‘ usw. verwechseln, also klassische Kategorienfehler, wie Philosophen wohl anmerken würden.
Deswegen hat Peter Thiel Recht: Demokratie und erfolgreiches Unternehmertum vertragen sich nicht, sind „inkompatibel“ wie ein USB-Anschluss und eine serielle Schnittstelle an einem DOS-Rechner von 1988. Nur dass es ja gar nicht so wünschenswert ist, dass sie kompatibel wäre; es ist ein Missverständnis, das sich deswegen breitgemacht hat, weil solche Organisationsformen wie Militär, Polizeihundertschaften und schnelle Eingreiftruppen nicht mehr im Bewusstsein der derzeitigen bürgerlichen Mitte vorkommen. Oder wenn doch, dann als jederzeit verfügbare oder abrufbare Dienstleistung, die schlagkräftig und deswegen ‚pyramidal‘ hierarchisch und komplett undemokratisch organisiert sein will. Selbst die Demokratie als solche lebt also von Voraussetzungen, die sie selber nicht erfüllen kann, was seinerzeit bereits ein Demokratietheoretiker wie Böckenförde feststellte. Auch Assoziationen von demokratischen Staaten sind nicht zwingend demokratisch (EU).
So müssen sich Unternehmer selbstverständlich gegen den Druck der Alles-Demokratisierer – oder vermeintlichen Alles-Demokratisierer, denn auch die vertreten als Gewerkschaften vorwiegend die Interessen ihrer zahlenden Klienten – wappnen. Die ‚Betriebliche Mitbestimmung‘ ist ein kompliziertes und mit vielen Ritualen ausgehandeltes Konstrukt von Verhaltensweisen: ‚Mahlzeit‘ – wir sichern uns gegenseitig ab, dass wir gerade Pause haben. Demokratie? Freiheit? Nun ja, demokratische Errungenschaften stehen wohl eher für Nivellierung, Gerechtigkeit und sozialistischem Mief. Hat auch seine Vorteile, aber die liegen genau da, wo die Demokratie nicht so genau hinsieht (womit, meine ich, auch die DDR-Nostalgie erklärt wäre, aber auch die über die alte, sozialdemokratische Bonner Republik. Aber da kann ich mich auch irren.).
Demokratie, Rechtsstaat und (freie Markt-)Wirtschaft sind also keineswegs deckungsgleich und folgen ihren eigenen Regeln. Sie bilden das Spannungsfeld, in dem sich im letzten Jahrhundert die westliche Zivilisation und Technologie entwickelt hat. Das heißt nicht, dass diese Konstellation für Zivilisation und Fortschritt zwingend wäre, wie das Beispiel China eindrucksvoll aufzeigt. Ich vermute daher stark, dass auch Peter Thiel etwas anderes vorschwebt als die derzeitige Form der ins allzu Komplizierte entwickelten Demokratie mit ihrem sehr kleinteiligen freiheitsberaubenden Gesetzgebungs-Dauerfeuer aus Berlin und Brüssel.
Bis hierhin gehe ich mit Peter Thiel. Doch ich bin Anhänger von diesem Spannungsfeld zwischen Demokratie, die auch einen gutes, weises Staatsoberhaupt abwählen kann und den anderen Kräften, Rechtsstaat und Wirtschaft. So wahrscheinlich ist ein gutes, weises Staatsoberhaupt nämlich nicht, wie Plato sich das mit „Politiker müssen Philosophen sein“ erhofft hat.
In dem etwas mühsam zu lesenden dystopischen Roman ‚Der Circle‘ von Dave Eggers von 2013 konstruiert ein ‚Tech‘-Unternehmen Theorie und Software für eine Art ‚Liquid Democracy‘ in dem sich die Bevölkerung durch sozialen Druck dazu zwingen lässt, sich unmittelbar zu einer Stimmabgabe zu allen überhaupt möglichen Fragen des Zusammenlebens via digitaler Stimmabgabe zu stellen. Offenlegung aller Befindlichkeiten zwecks unmittelbarer Mehrheitsentscheidung und sofortiger Umsetzung. Gleichzeitig totale Transparenz und Überwachung.
Ich meine nicht, dass Peter Thiel eine derartige ‚Brave New World‘ bevorzugt, eher eine libertär-kapitalistische tapfere Welt, in der sich die gutverdienende Leistungsträger in Städte oder Länder mit effektiver, durch leistungsfähige Unternehmen bereitgestellte Verwaltungen einkaufen können, wenn ihr Vermögen reicht. Ich finde, das wäre weder grundsätzlich abzulehnen, noch als universelle Lösung (Gates Communities für alle) akzeptabel. Viel eher als ein gedanklicher Anstoß zu nehmen, darüber nachzudenken, wie die repräsentative Demokratie als Bestandteil der Staaten zu retten, also wieder funktionsfähig zu machen wäre (Bürokratieabbau). Dabei könnten die linguistischen Fähigkeiten einer „KI“ (KLS: künstliches linguistisches System gefällt mir besser) helfen, bzw. ist sie wahrscheinlich sogar zwingend dazu erforderlich.
Einschätzungen über die ‚Tech‘-Unternehmer wie die heute in der NZZ gelesene der Harvard- Historikerin Jill Lepore vernebeln eher die Situation, in der sich moderne Gesellschaften derzeit befinden, durch Klassenkampf:
„Frage: In Ihrem neusten Buch schreiben Sie, die liberale Demokratie werde derzeit durch einen künstlichen Staat ersetzt. Was heisst das genau?
Antwort: Ich glaube, der Niedergang der Demokratien vielerorts ist zum Teil auf einen tiefgreifenden Wandel zurückzuführen. Die Bürger in liberalen Demokratien geben ihre Souveränität und Autonomie ab. Sie haben hauptsächlich amerikanischen Konzernen erlaubt, die Rolle des öffentlichen Diskurses zu übernehmen über deren Social- Media-Kanäle. Die meisten Menschen beziehen ihre Nachrichten über Tiktok oder Instagram, wo es mehr Bots als Menschen gibt. Der öffentliche Raum, der für eine liberale Demokratie entscheidend ist, existiert für viele Menschen einfach nicht mehr.“
Hier würde ich noch mitgehen. Wenn ich nicht wüsste, dass der Kampf um die Deutungshoheit längst auch von den Gegnern der ‚Tech‘-Unternehmen geführt wird, wenn nicht gar begonnen wurde. Es geht dabei auch um das Meinungskartell und den Einfluss der vorwiegend linken Medien.
„Frage: Die Bots, also Maschinen, übernehmen?
Antwort: Immer mehr Macht wird tatsächlich in die Hände einer kleinen Zahl von Firmen und Männern gelegt, die den Profit für ihre Investoren maximieren. Und das auf eine Weise, die die Demokratie untergräbt. Erinnern Sie sich an 2016, das Jahr des Brexits und der Wahl Trumps? Damals gab es den Cambridge-Analytica-Skandal in Grossbritannien, Facebook wurde vorgeworfen, dass auf seiner Plattform Fake News und riesige Propagandakampagnen verbreitet wurden. Facebook-Chef Mark Zuckerberg wurde vor den Kongress geladen und gelobte, ein Aufsichtsgremium zu schaffen. Er tat so, als sei dies eine Art Verfassung. Dabei war das ein Teil der Firma. Ein anderes Beispiel: Vor ein paar Tagen warnten Techunternehmer die Welt vor unkontrollierter KI und einem möglichen Weltuntergang. Dann sagte Trump, er habe mit den Techfirmen eine Art Gentlemen’s Agreement geschlossen. Er sagte, das sei jetzt die Verfassung. Das ist nicht die Verfassung!“
Klar, Bots, Fake News. Alleinstellungsmerkmal der ‚sozialen Medien‘? Nachgewiesenermaßen nicht. Und noch nie waren Medien frei von Propaganda. George Orwell schrieb aufgrund seines Entsetzens darüber einen sehr bekannten Roman.
„Frage: Sind wir zu naiv, wenn es um diese Tech-Bros geht?
Antwort: Es ist einfach verrückt – diese Techunternehmer weigern sich, demokratischen Institutionen Rechenschaft abzulegen. Das ist eine völlige Abkehr von den Institutionen, für die die Menschen jahrhundertelang gekämpft haben. Musk, Thiel und andere geben sich als Visionäre, predigen das Evangelium der disruptiven Innovation: «Wir werden ewig leben, in einem Zeitalter von unendlichem Wohlstand und Überfluss und guter Gesundheit.» – Das sind Geschäftsleute. Das sind keine Männer der Zukunft. Das sind Männer der Vergangenheit.“
Geschäftsleute (sind sie!) sind „Männer der Vergangenheit“.. mehr arroganter Klassenkampf auf dummem Selbstbewusstsein aufgebaut geht kaum. Will man sie als Politiker jedoch verhindern (ich will das), sollte man die Wähler nicht noch für dümmer erklären, als sie – vielleicht – sind. Ich vermute jedoch, sie sind kompetenter in der Bewertung, ob etwas plausibel oder wichtig ist, als diese Historikerin. Und sie wählen gerne das kleinere Übel.
„Frage: In Ihrem Buch beschreiben Sie, dass es in Nordamerika in den dreissiger Jahren schon einmal so eine Bewegung gegeben habe, die geglaubt habe, die Demokratie sei überflüssig.
Antwort: Es gibt tatsächlich keinen Grund zu glauben, dass Leute wie Musk oder Marc Andreessen oder Peter Thiel besonders originelle politische Ideen hätten. Sie rezyklieren lediglich die schlimmsten politischen Ideen des 20. Jahrhunderts, einschliesslich der Ideen der Technokratiebewegung aus den dreissiger Jahren. Diese Bewegung in Nordamerika behauptete, demokratisch gewählte Politiker seien unfähig, mit den Herausforderungen der modernen Technologie umzugehen. Deshalb solle eine Elite aus Wissenschaftern und Ingenieuren die Welt regieren. Für das gemeine Volk gebe es dann eine Art Grundeinkommen, und statt Namen sollten Menschen Nummern haben. Ihr Anführer war übrigens Joshua Haldeman, Elon Musks Grossvater.“
Originell = gut? Was ist das nur für eine Obsession mit der Originalität in einer Massengesellschaft? Ich bin immer froh, wenn eine Idee, die auf die Menschen losgelassen wird, nicht noch mehr Schaden angerichtet hat, wie die vorherigen, bekannten. Und: Aha, schon Elon Musks Großvater.. Übrigens: Menschen haben schon unverwechselbare Nummern. Steuernummern. Z.B. Und „sie rezyklieren die schlimmsten Ideen..“? Echt jetzt.. ist sie wirklich Historikerin?
Der Rest der Äußerungen der Historikerin sind zwar ebenso abwertend, jedoch belanglos. Der NZZ ist jedoch für das Interview zu danken, denn der Einblick in die Gedankenwelt heutiger Akademiker ist aufschlussreich.
Um das mögliche Missvertändnis von vorneherein auszuschließen: Ich bin keinesfalls dafür, eine technokratische Elite von „Ingenieuren und Wissenschaftlern“ regieren zu lassen und habe das immer wieder so gesagt und geschrieben. Und war es nicht „Die Zeit“, die in der Corona(maßnahmen)krise begeistert titelte „Kann Drosten Kanzler?“
Ich finde jedoch, Peter Thiel sollte schon im Interesse derer, die eine zu große Macht der ‚Tech‘-Unternehmen verhindern wollen, mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden, als ihn als undemokratisch abzutun.
12.10.2026, Klaus J. Nick
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