Hier https://www.salonkolumnisten.com/reconquista/ schrieb Alan Posener einen Text über die Reconquista, also die Rückeroberung des islamischen Teils der spanischen Halbinsel durch das spanische Königshaus als Voraussetzung für die europäische Moderne. Oder die Schlacht von Tours und Poitiers mit Karl Martell, dem Hammer zur Abwehr der islamischen Eroberungszüge nördlich der Pyrrenäen war gemeint. Oder beides. Und dass man in diesem Geist wieder handeln soll, um weiteren Fortschritt sicherzustellen. Dass wir das Abendland den Fortschrittsfeinden, seien sie ökologischer oder postkolonialer oder anderer (ersatz)relgiöser Art wieder entreißen soll.
Klar. Super. Auf jeden Fall. D’accord. Da-bin-ich-dabei-dat-is-prima! freut sich der Verteidiger des Abendlandes und Pegidasympathisant in mir innerhalb von Millisekunden.
Haltstopmomentmal!
Als passionierter Science Fiction-Leser kenne ich die Denkfigur des Zeitreisenden, der in die Vergangenheit reist, um z.B. mit einem frühzeitigen Hitlerattentat den Holocaust zu verhindern, damit aber die Machtverhältnisse so verändert, dass bei einem so harmloser gewordenen Nationalsozialismus Russland und die USA keinen Krieg mehr gegen die Achsenmächte führen und keine A-Bomben auf Hiroshima und Nagasaki fallen. Ohne Abschreckung durch das grausame Beispiel geraten USA und UdSSR in einen nuklearen Vernichtungskrieg, der die Menschheit auslöscht. Der deutsche Autor Phillip P. Peterson z.B. schreibt sowas in „Flug 39“. Andere Autoren aus dem Genre argumentieren hingegen, dass Eingriffe eines Einzelnen in den Zeitablauf gar nicht so dramatische Veränderungen mit sich bringen würden, und die Zeitläufe „träge“ wären und solche Eingriffe und die Zeitreisenden selber schneller vergessen wären, als die Chronisten es merken könnten (Joshua Tree, Douglas E. Richards in „Das Zeitparadox“).
Ich halte letztere Erwägung für schlüssig, weil ich erstens nicht an Determinismus glaube und zweitens die Geschichtsschreibung sich immer auf historische Figuren, Kaiser, Könige, Diktatoren, Künstler usw. bezieht. Ein Gewichtung der Wahrnehmung durch die vorherige Selektion durch vorherige Historiker und wiederum deren Gewichtung. Nicht nur ein Problem der Geschichtswissenschaft, aber da besonders. Geschichte wird so zum Narrativ. Aber das nur nebenbei.
Jedenfalls hat sich so um 1900 herum nicht nur der von mir bewunderte A. Einstein an den unterschiedlichen Theorien für die Induktion von Stromfluss in bewegten Spulen über stationären Magnetfeldern einerseits und stationären Spulen unter bewegten Magnetfeldern andererseits gestört, was zur seiner speziellen, diese Dinge vereinheitlichenden Relativitätstheorie führte und das Klavier hätte auch ohne den von mir geliebten J. S. Bach wohltemperiert werden können. Vielleicht etwas später, aber die Zeit (die Menschheit) war reif für diese Dinge und hat sie akzeptiert.
Die islamischen Eroberer hatten mit dem Kalifat Cordoba Europa eine Eindellung zugefügt und Alan Posener geht als Historiker wahrscheinlich zu recht davon aus, dass der Hammer Karl Martells und die in den Jahrhunderten danach folgende Wiederausbeulung Voraussetzung für philosophischen und technischen Fortschritt waren, wie wir ihn später als Aufklärung beschrieben. Voraussetzung. Nicht Ursache. Warum die Muslime, die Aristoteles ja auch wie die Juden und später die Christen kannten, dazu nicht in der Lage zu gewesen waren, darüber wird in APs Text geschwiegen. Nun: Auch der beste Physiker und der beste Philosoph braucht Publikum, eine Agora. Die waren noch nicht so weit. Und soweit das eine.
Das andere wäre die Frage: Was ist Fortschritt, erstens und kann man ihn zweitens per Dekret/Ideologie/Schulbildung/Narrativ/Haltung und was man da sonst im politischen Raum an moralischen Kollektivitäten fordern kann, erzeugen? I do not think so, wie man in dem heutigen Latein so sagt und vielleicht sind wir diesmal die, die noch nicht soweit sind. Z.B. für einen Kühlschrank, der ungefragt das Essen nachbestellt, ein Smart Home oder Windows 12. Alexa, Cortana und Siri haben sich ja auch nur eher begrenzt durchgesetzt, wenngleich sie auch die KI im Browser merklich verbessert haben, weil sie wie seinerzeit Luther dem Volk heimlich aufs Maul schauen durften. Die Agora streikt irgendwann bei einem ‚noch mehr vom gleichen‘ und das x-te Verbundforschungsprojekt zu einem neuen Boson im Teilchenzoo der Diesmal-noch-etwas-höher-energiephysik bringt uns vielleicht nochmal eine Mikrosekunde näher an den Urknall heran und die y-te Genanalyse kann jetzt Charaktereigenschaften mit Gensequenzen korrelieren, ohne freilich zu definieren was Charaktereigenschaften sein sollen, um dann festzustellen, dass genetische Disposition zu Neurotizismus psychische Probleme eher begünstigen könnte (wie neulich in der ‚WELT‘ berichtet).
Paradigmenwechsel jedenfalls sieht anders aus. Und Fortschritt anders als Beschäftigungstherapie.
Da ändert auch Karl mit dem Hammer nichts. Oder schlimmer: Mit einem Narrativ.
Auch ich bin für Fortschritt. Aber nicht als Programm sondern aus Neugierde.
Und wie wäre es denn mal mit Querdenken? Man darf es ja wieder, ohne als maligner Blinddarm aus ‚Unserer Demokratie‘ wegoperiert zu werden.
12.9.2026 Klaus J. Nick
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