Nach Wochen titanischen Ringens …
Wenn ich so anfange, bin ich noch nicht ausgeschlafen. Die Taktung ist schuld, ich sollte noch gar nicht wach sein. Mein Motor dreht noch hochtourig. Letzte Hausarbeit Minuten vor Abgabeschluss hochgeladen.
In der Geschichtsschreibung hagelt es ja abstrakte Begriffe und Konstruktionen…und in stillen Momenten komme ich dann ins Nachdenken.
Um es vorwegzuschicken: hier wird es keine richtige Pointe geben. Ich räsoniere vor mich hin … und warte, dass der Morgenkaffee mich mit seinem Zauber ins Bad treibt.
Was ist für mich Autoritarismus?
Im ersten Moment gehen mir Fotos der Bild- Zeitung durch den Kopf. Die hübsche Witwe Navalny, die attraktive belarussische Dissidentin … das geht gerade in die falsche Richtung. Ich werde sarkastisch. Ich habe mir vorgenommen, dem Rat meiner Frau zu folgen: spread kindness in the world. Ich bin nicht gut da drin. Ich schaffe es irgendwann. Nein, ich werde nicht Freeeeedom!!! parodieren. Ich habe es erwähnt, das muss reichen. Ommmm…
Autoritarismus ist, wenn ich ein Haus mit 6 Wohnungen baue und der Bürgermeister mir für einen ganzen Euro eine abkauft.
Autoritarismus ist, wenn die Kommune meinen Müll nicht abholt und mein Geschäft wie ein Klo riecht, während der Neffe des Bürgermeisters gegenüber seinen Laden aufmacht und der nach Rosenwasser duftet.
Autoritarismus ist, wenn meine Hochwasserversicherung bei Hochwasser nicht zahlt, während der Neffe des Bürgermeisters, der sich jetzt Unternehmer nennt, nach dem Hochwasser zwei Häuser hat.
Autoritarismus ist, wenn nach einem Verkehrsunfall die Polizei nicht nach dem Schuldigen, sondern nach Stammbäumen forscht.
Ich habe mit vielen Leuten gesprochen, die mir vom Leben in verschiedenen Ländern berichtet haben. Was ich Autoritarismus nenne, hat China in dem letzten Jahrzehnt erstaunlich gut in den Griff bekommen. In Russland gibt es Dash-Cams am Rückspiegel, wegen der Versicherung. Nur Iran ist nach wie vor eine komplette Shitshow in der Hinsicht.
Was, wenn es in Russland, China oder sonst wo, deutlich weniger Autoritarismus gibt als vor Jahren? Was wenn Bürger spüren, dass sich das Land positiv verändert und deswegen keine Aufstände ausbrechen. Nicht wegen Polizeiknüppeln, sondern weil der Bürger im Eigeninteresse gar nicht „die Verhältnisse“ ändern will.
Wie sieht die Bilanz der Regime Changes aus? War Afghanistan nicht in den 20 Jahren das korrupteste Drecksloch, trotz Mädchenschulen? Haben die Leute nicht von 10 Checkpoints mit korrupten Polizisten berichtet und dass es unter den Taliban nur einen gäbe? Der Irak durfte wählen, aber wie war das mit Bauaufsicht?
Mich dünkt, dass wir gar keine Idee einer mission civilisatrice haben, weil wir uns über civilisation auch gar keine Gedanken machen. Vielleicht verlieren wir seit Jahrzehnten Kriege und Soft Power nicht etwa, weil wir nicht genug Häuser samt Bewohner platt machen und dabei nicht genug Freeeedom!!!!! brüllen. Davon machen wir reichlich.
Ich schreibe „wir“, weil auch der Begriff „Westen“ so blutleer wie Freeeedom!!!! ist.
Der „Westen“ soll selbstbewusster auftreten. Irgendwo noch ein Land platt machen? Wenn sie und nicht mehr bewundern, sollen sie uns wenigstens fürchten? Ist das Westen?
Mich dünkt, dass wir nicht weiterkommen werden, wenn wir an alten Begriffen, die schon längst zum Hirnfurtz verkommen sind, festhalten.
Vielleicht würde es reichen, eine Nacht an einem Bahnhof in China und dann eine Nacht am Frankfurter oder Hamburger Hauptbahnhof zu verbringen und sich dann zu fragen, was eine mission civilisatrice ist. Vielleicht verstehen wir dann, warum Freeeedom!!!! keine Soft Power ausstrahlt, aber die Freiheit, Nachts ohne Gefahr einen Zug verpassen zu können, immer anziehender wirkt.
Wäre der Islam im 7. Jahrhundert die Horde Vollidioten des Islamischen Staates, wäre er nie über die Arabische Halbinsel hinausgekommen.
Ist Freeeeedom!!!!! wirklich der Westen, der die halbe Welt mal sein wollte?
Mich dünkt, dass Debatten, ob der Rock einer Frau so kurz sein darf, dass ihr Penis darunter zu sehen ist, auch nicht wirklich progressiv sind. Arschloch zu LGBTirgendwas zu sein, erscheint mir auch nicht die Wiederentdeckung alten Selbstbewusstseins zu sein, sondern einfach nur Arschloch. Reaktion ist ein hohler Begriff, vielleicht mehr als progressiv. Unsere Ideenwelt ist durchgelutscht und im besten Fall nur neurotisch.
Wie wäre es, den Volkssport Depression erfolgreich zu bekämpfen? Freude an großen Familien wieder zu entdecken? Die Hassmaschine Internet zu bewältigen. Wäre das nicht eine mission civilisatrice mit Außenwirkung? Und dafür müssten wir nicht mal anderer Leute Kinder unter Trümmern begraben.
PS: Die Ertrunkenen des darwinistischen Rennens im Mittelmeer, das unser Recht auf Asyl am Laufen hält (und deswegen abgeschafft gehört), schmeichelt unserem Selbstbild. China lässt keine Migranten rein. Sollte China die Grenzen aufmachen, könnte es still werden auf Lampedusa.
Der Kaffee zaubert. I´ll spread kindness in the world
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