mission civilisatrice

Nach Wochen titanischen Ringens …

Wenn ich so anfange, bin ich noch nicht ausgeschlafen. Die Taktung ist schuld, ich sollte noch gar nicht wach sein. Mein Motor dreht noch hochtourig. Letzte Hausarbeit Minuten vor Abgabeschluss hochgeladen.

In der Geschichtsschreibung hagelt es ja abstrakte Begriffe und Konstruktionen…und in stillen Momenten komme ich dann ins Nachdenken.

Um es vorwegzuschicken: hier wird es keine richtige Pointe geben. Ich räsoniere vor mich hin … und warte, dass der Morgenkaffee mich mit seinem Zauber ins Bad treibt.

Was ist für mich Autoritarismus?

Im ersten Moment gehen mir Fotos der Bild- Zeitung durch den Kopf. Die hübsche Witwe Navalny, die attraktive belarussische Dissidentin … das geht gerade in die falsche Richtung. Ich werde sarkastisch. Ich habe mir vorgenommen, dem Rat meiner Frau zu folgen: spread kindness in the world. Ich bin nicht gut da drin. Ich schaffe es irgendwann. Nein, ich werde nicht Freeeeedom!!! parodieren. Ich habe es erwähnt, das muss reichen. Ommmm…

Autoritarismus ist, wenn ich ein Haus mit 6 Wohnungen baue und der Bürgermeister mir für einen ganzen Euro eine abkauft.

Autoritarismus ist, wenn die Kommune meinen Müll nicht abholt und mein Geschäft wie ein Klo riecht, während der Neffe des Bürgermeisters gegenüber seinen Laden aufmacht und der nach Rosenwasser duftet.

Autoritarismus ist, wenn meine Hochwasserversicherung bei Hochwasser nicht zahlt, während der Neffe des Bürgermeisters, der sich jetzt Unternehmer nennt, nach dem Hochwasser zwei Häuser hat.

Autoritarismus ist, wenn nach einem Verkehrsunfall die Polizei nicht nach dem Schuldigen, sondern nach Stammbäumen forscht.

Ich habe mit vielen Leuten gesprochen, die mir vom Leben in verschiedenen Ländern berichtet haben. Was ich Autoritarismus nenne, hat China in dem letzten Jahrzehnt erstaunlich gut in den Griff bekommen. In Russland gibt es Dash-Cams am Rückspiegel, wegen der Versicherung. Nur Iran ist nach wie vor eine komplette Shitshow in der Hinsicht.

Was, wenn es in Russland, China oder sonst wo, deutlich weniger Autoritarismus gibt als vor Jahren? Was wenn Bürger spüren, dass sich das Land positiv verändert und deswegen keine Aufstände ausbrechen. Nicht wegen Polizeiknüppeln, sondern weil der Bürger im Eigeninteresse gar nicht „die Verhältnisse“ ändern will.

Wie sieht die Bilanz der Regime Changes aus? War Afghanistan nicht in den 20 Jahren das korrupteste Drecksloch, trotz Mädchenschulen? Haben die Leute nicht von 10 Checkpoints mit korrupten Polizisten berichtet und dass es unter den Taliban nur einen gäbe? Der Irak durfte wählen, aber wie war das mit Bauaufsicht?

Mich dünkt, dass wir gar keine Idee einer mission civilisatrice haben, weil wir uns über civilisation auch gar keine Gedanken machen. Vielleicht verlieren wir seit Jahrzehnten Kriege und Soft Power nicht etwa, weil wir nicht genug Häuser samt Bewohner platt machen und dabei nicht genug Freeeedom!!!!! brüllen. Davon machen wir reichlich.

Ich schreibe „wir“, weil auch der Begriff „Westen“ so blutleer wie Freeeedom!!!! ist.

Der „Westen“ soll selbstbewusster auftreten. Irgendwo noch ein Land platt machen? Wenn sie und nicht mehr bewundern, sollen sie uns wenigstens fürchten? Ist das Westen?

Mich dünkt, dass wir nicht weiterkommen werden, wenn wir an alten Begriffen, die schon längst zum Hirnfurtz verkommen sind, festhalten.

Vielleicht würde es reichen, eine Nacht an einem Bahnhof in China und dann eine Nacht am Frankfurter oder Hamburger Hauptbahnhof zu verbringen und sich dann zu fragen, was eine mission civilisatrice ist. Vielleicht verstehen wir dann, warum Freeeedom!!!! keine Soft Power ausstrahlt, aber die Freiheit, Nachts ohne Gefahr einen Zug verpassen zu können, immer anziehender wirkt.

Wäre der Islam im 7. Jahrhundert die Horde Vollidioten des Islamischen Staates, wäre er nie über die Arabische Halbinsel hinausgekommen.

Ist Freeeeedom!!!!! wirklich der Westen, der die halbe Welt mal sein wollte?

Mich dünkt, dass Debatten, ob der Rock einer Frau so kurz sein darf, dass ihr Penis darunter zu sehen ist, auch nicht wirklich progressiv sind. Arschloch zu LGBTirgendwas zu sein, erscheint mir auch nicht die Wiederentdeckung alten Selbstbewusstseins zu sein, sondern einfach nur Arschloch. Reaktion ist ein hohler Begriff, vielleicht mehr als progressiv. Unsere Ideenwelt ist durchgelutscht und im besten Fall nur neurotisch.

Wie wäre es, den Volkssport Depression erfolgreich zu bekämpfen? Freude an großen Familien wieder zu entdecken? Die Hassmaschine Internet zu bewältigen. Wäre das nicht eine mission civilisatrice mit Außenwirkung? Und dafür müssten wir nicht mal anderer Leute Kinder unter Trümmern begraben.

PS: Die Ertrunkenen des darwinistischen Rennens im Mittelmeer, das unser Recht auf Asyl am Laufen hält (und deswegen abgeschafft gehört), schmeichelt unserem Selbstbild. China lässt keine Migranten rein. Sollte China die Grenzen aufmachen, könnte es still werden auf Lampedusa.

Der Kaffee zaubert. I´ll spread kindness in the world

34 Antworten zu „mission civilisatrice“

  1. Avatar von KJN
    KJN

    Lieber Stevan (aus der Asche), es tut gut beim Morgenkaffee von dir zu lesen. Ja, das sind die anstehenden Fragen, die wir unbezahlt für die hochbezahlte Zivilgesellschaft uns anschicken, zu beantworten. Auf SM und sonst wo uns ein ewiges ‚weiter so‘ in kritisches Geschenkpapier eingewickelt wird (und dann bin auch ich bisweilen unflätig emeritierten Professoren gegenüber) und du beschreibst zuerst Korruption, später Autoritarismus, das ist nicht ganz das Gleiche, sie haben aber eine dicke fette Schnittmenge. Der Hund muss noch raus und einiges andere in der dreckigen, septischen Realität steht heute noch an und dann ‚muss‘ ich auch Bodo noch was in seinem Kommentar zum letzten Thema schreiben, das, wie es bei mir wohl immer so ist, auch hiermit zu tun hat: Die Prozesse der Entwicklung folgen ja immer gleichen Gesetzen.. Bis also dann.. unvermeidlich später.

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  2. Avatar von Roland
    Roland

    Ja, ich habe auch (wie Klaus) als erstes gedacht, dass Autoritarismus und Korruption nicht dasselbe sind. Allerdings dicht beieinander liegen: Autoritarismus ist eine Staatsform, bei der man sich nicht oder nur schlecht mit rechtsstaatlichen Mitteln wehren kann. Weil die Gerichte beeinflusst sind. Donald Trump zum Beispiel regt sich gerade furchtbar auf, dass seine drei Richter die Briefwahl nicht in seinem Sinne für ungültig erklärt haben. Er hatte sie nach persönlichem Gusto eingesetzt und gehofft, dass sie seinen Willen exdekutieren, aber stattdessen machen sie das, was sie als ihren Job verstehen: die Gesetzestexte so anwenden, wie sie vom Verfasser gemeint sind. Der Zorn Trumps richtet sich aber nicht auf die Gesetzestexte, sondern allein auf die Richter. (Nebenbei: Wir erleben an vielen Stellen, wie sich die politischen Entscheidungen zunehmend in den juristischen Bereich verlagern. Kann man beklagen, ist aber erstmal eine Tatsache.)

    China und Russland sind beides autoritäre Staaten, die die Korruption – die dort systemisch ist – mit unterschiedlichem Erfolg bekämpfen, weil ihnen ihre eigene systemische Korruption früher oder später auf die Füße fallen wird. D.h. das System wendet sich gegen sich selbst; der Autoritarismus befindet sich ständig in selbst verursachter Gefahr. Deshalb überwacht er auch seine Bewohner nach Kräften. Die Korruptionsbekämpfung in China hat dazu geführt, dass China inzwischen im Mittelfeld liegt (Platz 43 von 182 untersuchten Staaten (kann man als Erfolg verbuchen), Russland ist jedoch weit abgeschlagen auf Platz 22). Die liberaldemokratischen Staaten Europas sind allesamt wesentlich besser.

    Auf alle Fälle ist es nicht Freedom! allein, was die liberaldemokratischen Staaten und ihre vergleichsweise geringe Korruption auszeichnet. Wenn es Freedom! überhaupt hier gibt, das wird ja von einigen (J.D.Vance) bezweifelt. Es ist der Pluralismus – wenn die eine Gruppe die andere argwöhnlich beäugt, kann die andere Gruppe – auch wenn sie reich und mächtig ist – nicht so schnell korrupte Strukturen aufbauen. Jedenfalls nicht, wenn es außerdem einen funktionierenden Rechtsstaat gibt. Dies sind also unsere beiden Grundpfeiler: Rechtsstaat und Pluralismus (=> Kooperation).

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  3. Avatar von Roland
    Roland

    ..sorry, ich meinte nicht „Platz“ sondern Punktzahl: China hat 43 von 100 möglichen Punkten, Russland 22. China also genau in der Mitte. https://www.transparency.org/en/

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    1. Avatar von Roland
      Roland

      „Genau in der Mitte“ meint: Der Durchschnitt der 182 untersuchten Staaten liegt bei 42 Punkten. (Manmanman. Jetzt mache ich mir den ersten Kaffeee des Tages.)

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  4. Avatar von Test Bild

    Meine Ausgangsüberlegung war, was für mich Autoritarismus ist. Eine Meinung habe ich, oder ich habe sie nicht, dh Meinungsfreiheit habe ich immer. Wenn wir über Autoritarismus sprechen, denken wir an die janz großen Linien. Aber die sind nicht entscheidend, zumindest scheinen sie die meisten auf dieser Welt sie verschmerzen zu können. Kreuze auf Zettel machen, macht schöne Gefühle…und dann geht der Alltag los und dann, so finde ich, fangen Demokratie oder Autoritarismus erst an.

    Autoritarismus ist, wenn mir jemand einfach etwas wegnehmen kann. Sei es einfach so oder mit etwas mehr Stil, als Korruption „zwinker“ verkleidet. Aber es ist keine Korruption. Es wird niemand korrumpiert. Es ist das Macht Gefälle, das ausgenutzt wird. Autoritarismus ist ein Macht-Kartell, bei dem nackte Gewalt immer mitschwingt. Deswegen werden Häuser für einen Euro verkauft oder Gelder verschoben.

    Wenn wir ignorieren, dass dies in China, weniger in Russland, als Problem erkannt und angegangen wurde, segeln wir am Thema vorbei. Deswegen auch das Beispiel mit dem Bahnhof. Freiheit ist es dann, wenn ich meinen Kram behalten kann und keine Angst haben muss. Und ich behaupte keck, dass in China weniger Angst davor herrscht, als am Frankfurter Bahnhof.

    Die Aufteilungen in Rechtsstaat und Korruption oder ähnliches verkennt vollkommen, welcher Mechanismus dem zugrunde liegt. Dann spielen wir Ennemennemuh mit Begriffen, bis wir uns Selbstvergewissert haben, dass wir die freiesten Schafe der Welt sind. Wenn nur noch wir das glauben, aber die Afghanen nach 20 Jahren Beglückung nicht, die Welt sich von uns abwendet …. jo… dann müssen wir unsere Intellektuelle Brille putzen. Und überlegen, was Autoritarismus oder Demokratie bedeuten. Vielleicht ist Demokratie heute nicht mehr als Rechtsstaat und der Rest nur Firlefanz.

    Kocks meinte in SM mal, dass unser Supergrundrecht, das Recht auf privat sei. Was wenn andere dieses Recht sicherstellen können. Sind wir dann im vergleich noch Westen? Und was ist Progress.

    Sorry, etwas wirr. ich habe keine Antwort. Aber deswegen brauche ich euch ja

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    1. Avatar von Roland
      Roland

      Bei deinem Verständnis entsteht die Frage, wie sich dein Autoritarismus (die halboffizielle Wiki-Definition geht ja anders…) zu Kriminalität und Korruption verhält. Auch von Kriminellen kann dir „einfach etwas weggenommen“ werden. Das ist dann aber noch kein Autoritarismus. Der Unterschied ist, dass die Kriminellen von der Polizei verfolgt werden. In deinem Autoritarismus geschieht das Wegnehmen ohne Strafverfolgung. Und genau das ist eben korrupt: Der Mechanismus Rechtslage -> Gesetzesbruch -> Strafverfolgung ist kaputt.

      Beispiel: Der Iran ist ein Unrechtsstaat, dessen Gesetze in einigen Fällen total hirnrissig sind. Wenn die Strafverfolgung diese Gesetze umsetzt, ist der Staat zwar immer noch autoritär und ein Unrechtsstaat, aber noch nicht korrupt. Erst wenn hinzukommt, dass iranische Mächtige ihre eigenen Gesetze biegen und brechen, wird der Unrechtsstaat korrupt. Und genau das kommt vor. Systematisch sogar. Deshalb sind diese Staaten immer auch Überwachungsstaaten.

      Ich würde daher sagen, dass die Bekämpfung der Gewalt- und Kleinkriminalität in China effizient ist, u.a. weil man die Leute extrem überwacht. Und man überwacht sie, weil man Angst vor ihnen hat. Die Korruption ist trotzdem ein größeres Problem (siehe Index).

      Man muss also überlegen, dass die Gefahren, die den „Leuten in der Nacht auf der Straße“ durch Taschendiebstahl usw. drohen, andere sind als die Gefahren, die durch Schmiergelder, Erpressung, Vetternwirtschaft usw. entstehen. Wenn man sagt: Die ersteren Gefahren sind für mich die entscheidenden, dann, na klar, ist China ein gutes Vorbild. Dann müssten wir vollumfängliche elektronische Gesichtskontrollen einführen. Man kann aber auch sagen, diese Gefahren sind blöd, aber flößen mir nicht unbedingt sooo viel Angst ein und sie lassen sich auch niedrigschwelliger durch gute Polizei usw. einhegen; mir sind die Lebensbedingungen in einem attraktiven, gut funktionierenden Staat, der mich weitgehend in Ruhe lässt, wichtiger.

      Ich will hier gar nicht in die Freiheit!-Trompete pusten. Es mir geht nur um die Frage: Wo lebe ich lieber? In China oder in Europa? Für mich ist die Antwort klar.

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      1. Avatar von Roland
        Roland

        Und um nun zum Schluss nochmal eine richtige Plattitüde rauszuhauen: Meiner Meinung nach sollten wir aufhören, immer nur unsere Ängste zu artikulieren, ihnen nachzuspüren und den Vater Staat danach zu messen, wie gut er diesen unseren Ängsten entgegenkommt. Das ist zwar verständlich, die Medien sind voller schrecklicher Meldungen, weil sie sich so am besten verkaufen. Aber das Leben ist immer riskant und endlich. Auch wenn wir dereinst in einer heißen Sommernacht durch das Frankfurter Bahnhofsviertel schlenden, mit einem Hunderter uns Kühlung zufächeln und die Sterne betrachten, können wir stolpern und Schiffbruch erleiden. Es muss nicht immer die dunkle Gestalt dahinten sein. Und das Schlimmste passieren. Wir sollten vielmehr überlegen, was wir Gutes machen und Schönes erleben können.

        Womit ich mich für heute verabscieden muss.

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      2. Avatar von Test Bild

        Ich muss mich um Omi kümmern, deswegen nur kurz:

        China oder Europa? ich weiß es nicht.

        Mein Leben ist toll … ich werde nichts dranändern wollen. Aber wie mein Leben in China wäre, weiß ich schlicht nicht. Ich hatte Kontakt zu europäischen Expats in China und Chinesen und denen erschien ihr Leben toll wie mir meines und die kannten Europa sehr gut. Nach Erzählungen und Recherchen ist die Überwachung in China höher, aber nicht so viel höher, als dass es relevant spürbar sei. Da ist viel Orientalisierung dabei, der Mythoas der gelben Ameise.

        Die Strahlkraft ließ bei Russland stark nach. War aber noch vor Rumänen und Bulgaren.

        Wie konnte China Weltweit in Sachen Soft Power aufholen. Nochmal: würden sie Migration zulassen, bin ich überzeugt, würde die Welt ihnen die Bude einrennen.

        Wir übersehen etwas. Das suche ich

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      3. Avatar von Test Bild

        Okay …. ab Oktober

        Ich werde Nachsitzen:

        Die Ursprünge und die Entstehung der russischen Autokratie, 14.-18. Jh

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  5. Avatar von kryptonitetoo0a8519ce23
    kryptonitetoo0a8519ce23

    Lieber Stevan,

    was Du „übersiehst“ sind die Care-Pakete. Opa und Oma im Westen schickten mir Knaben immer diese bunten Lego-Bausteine in die DDR. Und dieses köstliche Nutella.

    Um „Fluchtursachen zu bekämpfen“ ?

    Käse.

    Die Pakete waren doch die Fluchtursache. Ich wollte doch gerade deswegen mit 19 dorthin, wo die Pakete herkamen.

    Um mich mit Nutella zu überfressen?

    Auch Käse.

    Es ist einfach eine blöde Situation, immer für diese Nutella-Pakete „Danke, edle Spender!“ sagen zu müssen.

    Viel besser ist es ja, einmal selbst solche Pakete zu verschicken 1985 bis 1989. Und ein anderer, z.B. mein Neffe in Ostberlin mußte dann diese dämlichen Briefe schreiben, in denen steht:

    „Lieber Onkel Bodo! Vielen Dank für die Nutella, Du edler Spender!“

    P.S.:

    Im deutschen Ost-West-Verhältnis erklärte sich der Wertewesten immer über seine köstlichen Brotaufstriche, seine vielen Sorten Käse und die schnittigeren Motorräder. Seine Werte eben.

    Und Haltungsjournalisten erklären das auch noch heute so. Ulrich Siegmundz.B. wird als Undemokrat erklärt, weil er sein 50 Jahre altes Moped zur Schau stellt. Und keine funkelnagelneue 1000er BMW.

    Und weil der Wertewesten nun am Ende dieser Sackgasse angekommen ist (Ein chinesisches Motorrad mit 1000 Kubikzentimeter Hubraum kostet trotz 8 % Einfuhrzoll nur die Hälfte und kann mithalten.) ….

    … deshalb haben die Werte des Wertewestens immer weniger Wert.

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    1. Avatar von Test Bild

      Es gibt doch diese Bedürfnis Pyramide. Nachdem die ganze Welt sich an Nutella satt gegessen hat, gibt es ja noch paar Stufen. Das Geschäftsmodell Westen als Nutella Produzent ist seit einer Generation vorbei. Da bin ich bei dir. Bei mir war es die BiFi.

      Wenn andere den Westen einholen, heißt das, dass die nächste Stufe nicht erklommen wurde. Es gäbe also noch genug Spielwiesen, auf denen man tätig werden könnte. Ich habe das Gefühl, wir verplempern unsere Zeit mit Phrasen. Ich bin kein Kapitän oder Navigator … ich kenne den richtigen Kurs nicht. Den müssen mir klügere Leute zeigen. Ich kann nur feststellen, ob Dynamik da ist und wie sie sich relativ zu anderen bewegenden Teilen verhält. Der Wertewesten bewegt nicht.

      Wir müssen besser werden.

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      1. Avatar von KJN
        KJN

        So, mit etwas Abstand noch mein Senf dazu: 1. zur Begriffsklärung: Kenne ich vom Job und habe es immer vorab erledigt, damit Besprechungen nicht ausarten. (Da hat G. ja nicht ganz unrecht.) Vor 25 Jahren hieß es, man solle seine Kinder zwar nicht autoritär, aber autoritativ erziehen. Gemeint war damit, daß Kinder lernen, daß es Autorität gibt und daß die Eltern die sich erarbeiten und beweisen sollten. Das klingt wie Kants Imperativ und ist auch sowas Ähnliches. Nimmt man diesen Begriff, ist die Diskussion um „Autoritarismus“, wie sie in den Medien z.B. beim Thema Viktor Orban geführt wurde, völlig absurd. Ich meine, z.B. die Kritik an Orbans Verteidigung gegen eine Moderne, die s.E. nicht zur ungarischen Gesellschaft passt, kommt aus EU-Ländern, die einerseits von „follow the science“ sprechen und andererseits Dinge als ‚wahr‘ akzeptieren‘, die „97% aller damit befassten Wissenschaftler“ behaupten. Wahrheitsfindung per Mehrheitsentscheidung. (A. Einstein und alle Physiker seiner Zeit wären ausgetickt..) Womit ich eine wesentliche mentale Schwäche des Westens schon ganz gut umrissen habe. Ein Abbau gedanklicher Schärfe und Konsequenz innerhalb weniger Wohlstandsjahre. Das Alleinstellungsmerkmal des Westens: Auf immer verloren. Zufall (wirklich!): Mein seit längerem europäischer Lieblingsautor veröffentlicht einen Lyrikband über das Thema (in der ‚Welt‘ heute eine oberflächliche Rezension). 2. Heute Morgen schrieb ich: „Korruption und Autoritarismus haben eine dicke, fette Schnittmenge.“ Das ist nach der Begriffsklärung, wie ich sie gerade versucht habe, so nicht mehr haltbar. Ich frage mich derzeit: Was ist autoritärer: ‚Follow the science‘ (folge der Statistik!) oder ‚Folge der Erkenntnis‘ (eine Erkenntnis, die ich begreife). Ich glaube, das ist eine philosophische Frage und sie entscheidet darüber, ob wir als Menschheit (..als Westen..) noch Entwicklung vor uns haben oder in einer Schweinestallethik eines „Menschenzoos“ (Sloterdijk) in einer Art ‚Brave New World‘ enden, die in Nullkommanix von Menschen mit zwar niedrigerem evolutionären Stand und Komplexität, aber festeren Überzeugungen erobert werden. Weil sie Ordnung und Stabilität errichten, Sinn erfinden und Sicherheit geben. Entweder du hast letztere selber, oder du folgst anderen. Jeder, der sich mal selbständig gemacht hat weiß: Wenn du nicht dran glaubst, funktioniert es NICHT. Bittere evolutionäre Auslese. 3. Tatsächlich, Stevan, würde ich zustimmen: Wir, der Westen, Europa.. (was immer auch, über die gewünschte Leitkultur wünsche ich mir eine konstituierende Erkenntnisfindung) müssen uns ernster nehmen. Eine Abstimmung ersetzt keine Erkenntnis. Was ist unsere? Daß alle Recht haben? So geht es eben nicht. Deswegen kann man trotzdem liberal (+ tolerant) sein. Liberalität ohne Selbstbewusstsein (incl. des Wissens, es nach bestem Wissen und Gewissen richtig zu machen) funktioniert jedoch nicht. 4. Interessant dazu: Der belgische Philosoph David Engels. 5. Vielleicht haben wir in den letzten Jahrzehnten zu viel geerntet (im Urlaub zuviel Club Mediterranée konsumiert) und zuwenig gesät, aus geistig. (In anstehenden kühleren Jahreszeiten in Mitteleuropa kommt man auf so Rilke-Gedanken.)

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      2. Avatar von Test Bild

        Das mit Orban ist ein Missverständnis. Real ist in Ungarn wenig passiert, unter Orban. Ungarn leben und machen das gleiche wie wir, auch unter Orban. Das Orban Ding war ein Konflikt zwischen Peripherie und Zentrum (EU) und wird, nach dem Krieg, an vielen, vielen anderen Stellen ausbrechen.

        Abgewählt wurde er nicht, weil Ungarn anders leben will, sondern weil nach langer Herrschaft sich der Bürgermeister für einen Euro Wohnungen kaufte (siehe Oben). Erst da empfanden ihn die Ungarn als autoritär.

        Die Scheindebatte über Progress und Moderne wurde von beiden Seiten geführt. Aber ich glaube, das war für alle nur Mittel der Mobilisierung und nicht der Kern des Problems

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      3. Avatar von Test Bild

        Womit ich eine wesentliche mentale Schwäche des Westens schon ganz gut umrissen habe. Ein Abbau gedanklicher Schärfe und Konsequenz innerhalb weniger Wohlstandsjahre. 

        Ja, das ist das Ergebnis des Wertewestens. Jeder muss ein Priester der Werte sein. Aber Priester sind nicht für die diesseitige Welt gedacht. Deswegen versagt die neue Priesterschaft in dieser.

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      4. Avatar von KJN
        KJN

        ..ja, Orban ist abgewählt worden, weil er bzw. seine Entourage korrupt ist und nicht, weil er ‚illiberal‘ ist. Das Gleiche mit Putin: Wenn ich bei einer Fahrt von 500 Km drei Verkehrskontrollen schmieren muss und meine Söhne von Zwangskanonenfutterschicksal freikaufen muss, könnte die Unzufriedenheit einen anderen Warlord putschen lassen. Ob der dann besser ist? Wolkenkuckucksheim Westen!

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      5. Avatar von KJN
        KJN

        „Ja, das ist das Ergebnis des Wertewestens. Jeder muss ein Priester der Werte sein. Aber Priester sind nicht für die diesseitige Welt gedacht. Deswegen versagt die neue Priesterschaft in dieser.“

        Insbesondere wenn Religion und Wissenschaft, Priester und Wissenschaftler verwechselt werden. Ja da stehen wir. Und deswegen hat Michel Houellebecq recht und die Präsenz einer Religion erweist sich abermals als der entscheidende Evolutionsvorteil für eine Gesellschaft. https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article6a9a796bdde98c92361812ea/michel-houellebecq-ihr-abendlaender-habt-nicht-mehr-viele-chancen.html

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  6. Avatar von kryptonitetoo0a8519ce23
    kryptonitetoo0a8519ce23

    Bismarck schrieb in seinen Erinnerungen:

    „Nur die Hungrigen sind fleißig. Die Satten arbeiten nicht.“

    Gute Nacht!

    P.S.: Zum russischen Autoritarismus, Stevan,

    sagen russiche Pro-Westler, die russische Seele habe sich noch immer nicht von der Mongolenherrschaft dieser asiatischen Horden befreit. Sei in einem „inneren Mongolentum“ gefangen.

    Möglicherweise haben wir aber auch zu Moskau als einem „третий Рим – treti Rim“, also als einem Nachfolger von Konstantinopel ( dem „zweiten Rom“ ), als Nachfolger von Byzanz, …

    … möglicherweise haben wir aber auch eine völlig falsche Vorstellung davon, was Byzanz war.

    Mit Sicherheit war Byzanz nicht der Wertewesten.

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    1. Avatar von kryptonitetoo0a8519ce23
      kryptonitetoo0a8519ce23

      P.S.: Im Jahr 553 rief Kaiser Justinian I. das „fünfte Ökumenische Konzil“, eine Versammlung aller Bischöfe ein. Zu diesem „2. Konzil von Konstantinopel“ kamen aber nur wenige Bischöfe aus dem Westen. Zu weit. Zu lebensgefährlich.

      Das Konzil beschloss nochmals die Jungfrauengeburt Mariens. Mit deutlicher Mehrheit der anwesenden Experten.

      Nu isses Dogma.

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      1. Avatar von Test Bild

        Ach…ihr Protestanten! Ihr wollt immer alles verstehen.

        Rein persönlich: Gesegnet waren die Zeiten, als der Priester eine andere Sprache sprach und ihn niemand verstand. Kirche und Priester sind dazu da, Gott zu preisen. Er spricht zu ihm, nicht zu uns. Es war ein Fehler, dass wir die Sphären der Gottesdiener und Gläubigen vermischt haben. Ob die ausgewürfelt haben, dass die Gottesmutter Jungfrau war, geht mich nichts an. Mir gefällt der Gedanke, deswegen nehme ich ihn auf. Es ist ein Bild, das meinen Glauben stärkt. Und nur dafür sind die Priester für uns gut. Ich will gar keine Kirche, die eine Einheit mit den Gläubigen bildet. Es wäre ein Wettlauf, wer sich immer detaillierteren Mist ausdenkt, was und wer Gott sei und, wenn alles ausdiskutiert ist, werden wir uns einigen, dass ihn nicht gibt. Die Spalter des Volkes sind immer Priester, die in ihrem Verein den Kürzeren gezogen haben. Nein, danke. Die kümmern sich um die Lobpreisung des Herren. Ich mich um meine Verbindung zu ihm. Es gehört sich nicht, über das Liebesleben eines anderen Menschen Mama zu spekulieren. Ob er nun Gott war, oder nicht. Genaues Wissen rettet keine Seelen.

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      2. Avatar von KJN
        KJN

        Das ist genau das, was die Piusbrüder sagen und noch so machen, lieber Stevan: Messe in Latein, der Priester mit dem Rücken zur Gemeinde und die Liturgie ist das wichtigste. Ein Freund von mir, leider schon verstorben, hat sich seine letzten 10 Jahre (bis 2018) genau dem zugewandt. Ich war in einigen Messen mit dabei. Keine Gesinnung dort zu finden, nur Glauben und Lithurgie. Vorher aber (als ehemaliger Kommunist) viele, viele Fragen gestellt. Wir reden heute noch viel über ihn, er hatte das was jetzt ist, exakt so vorausgesagt.

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      3. Avatar von Test Bild

        Ich mag so Vereine. Solange sie das machen, was ihr Job ist.

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  7. Avatar von Test Bild

     Sei in einem „inneren Mongolentum“ gefangen.

    Klingt gut, ist aber Bullshit. Es gibt keine russische Seele. Der Slawophile Ivan Aksakow wußte schon, dass man sich das Russe-Sein nicht aus Tiefe des Herzens zieht, sondern es lernen muss.

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  8. Avatar von Test Bild

    KJN:

    „Deswegen kann man trotzdem liberal (+ tolerant) sein. Liberalität ohne Selbstbewusstsein (incl. des Wissens, es nach bestem Wissen und Gewissen richtig zu machen) funktioniert jedoch nicht.“

    Der Irrweg des progressiven Liberalismus ist die Ablehnung eines Kollektiven. Individualismus. Um dann das Kollektive via Zivilgesellschaft und Menschheitsbeglückung noch exzessiver in den Mittelpunkt zu stellen. Nicht nur mitmachen, sondern glauben. Wenn das Kollektive falsch wäre, wären die nicht Publizisten. So gibt es keine Ruhe, weil sie immer in den Kopf anderer Leute wollen. Und wenn alle ständig in den Kopf … Fäkalsprache …. wo soll dann Selbstbewusstsein her kommen?

    Wenn wir unter diesem medialen Komplex von Selbstbewusstsein des Westens reden, dann meinen die meisten Publizisten, ihren Glauben endlich anzunehmen. Nein, in dem Diskurs werden wir es nicht finden.

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    1. Avatar von Test Bild

      Mein Lieblingsbuch von Posener ist Benedikts Kreuzzug.

      Heute verstehe ich, dass nicht Benedikt das Problem war. Der schieb, was sein Job als Diener des Herrn eben so sein Job war.

      Der Fehler war, dass ich mich über ihn aufregte. Ich habe meine Nase als Gläubiger in den Kopf eines Dieners gesteckt. Natürlich riecht es da drin für mich seltsam. Gegenprobe: Habe ich vor dem Sakrament der Ehe, bei Kerzenschein und Barry White, auch nur eine Sekunde geglaubt, dass ein Diener die Situation moralisch-verbindlich deuten kann? Nicht die Bohne.

      Ich habe mich vom Hype damals mitreißen lassen und hatte wieder mal eine Meinung zu einer Sache, über die ich eigentlich gar keine Meinung zu haben brauche.

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      1. Avatar von KJN
        KJN

        Ich hatte das Buch auch gelesen und mit dem schon erwähnten Freund (.. Piusbrüder..) viel darüber diskutiert. Ich stimmte auch damals den Thesen darin zu, noch ganz beseelt von ‚wissenschaftlicher Vernunft‘. Heute sage ich: Gut, daß ich kein Publizist war. Man nimmt seine Profession zu wichtig. Ich rechne aber damit, daß mir diese Abkehr von der Selbstbeschränkung auf das ‚Beweisbare‘ bzw. das, was man dafür hält, für eine Altersdegeneration hält. Ist mir egal. Ich nenne es Weiterentwicklung. Wissenschaft ist ein Handwerk, vorausgesetzt man lässt eitle Selbstüberschätzungen weg, sonst ist es Theologie, und zwar sehr schlechte. Man soll die Theologie den Theologen überlassen und Ratzinger war sehr gut darin.

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      2. Avatar von KJN
        KJN

        ..und klar gibt es Gründe für das Vaticanum II. Sonst wäre es nicht gekommen. Nur hat es beiden christlichen Kirchen nicht sehr gut getan, denn sie sind kaum noch als solche erkennbar.

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  9. Avatar von Roland
    Roland

    Predigten auf Latein, mit dem Rücken zu Publikum – warum nicht, wenn es den Leuten gefällt und sie sich dann glücklicher fühlen. Erinnert mich an Miles Davis, der auch mit dem Rücken zum Publikum gespielt hat. Allerdings hat er Musik gemacht und ich konnte ich mit seiner Musik was anfangen. Das geht mir bei lateinischen Predigten nicht so, aber das ist bei anderen anders.

    Kein Problem. Alles Pluralismus. Aber bei der Entscheidungsfindung – irgendwas muss doch beschlossen werden. Wir können ja nicht abwarten, bis sich eine absolute Wahrheit herausgeschält hat, der 100% aller Leute folgen. Wenn dann also nur 97 % Experten „dies“ sagen und 3 % „das“, wieso soll man dann ausgerechnet „das“ tun? Weil man es für „wahr“ hält? Weil man als Nicht-Experte glaubt, „das“ ist die wahrheit? Oder sollte man sich vorher vom Nicht-Experten zum Experten hocharbeiten, bevor man hier Entscheidungen treffen darf? Das dauert dann aber ganz schön lange. Sollen jetzt alle – alleinerziehende Mütter, Taxifahrer, Bauarbeiter, Studenten, Aushilfen.. – erst Physikbücher lesen und dann ihre Entscheidung treffen? Und das auch den bei 1000 anderen Sachthemen?

    Nein , die wissenschaftlichen Teildisziplinen müssen unter sich ausmachen, was Wissensstand ist, und den dann an die Entscheidungsträger weiterreichen. Dann steht es eben mal 97:3 und „The winner takes it all“. Die Entscheidungsträger sollen dem nicht blindes Vertrauen schenken, aber im Großen und Ganzen sich schon daran orientieren. Dieses rationale Verfahren ist mit „Follow the Scrience“ gemeint. Für mich ist das in Ordnung.

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  10. Avatar von KJN
    KJN

    ..lieber Roland, davon mal abgesehen, daß die „97%“ ja schon eine Fake-Aussage sind, weil „von alle damit befassten Wissenschaftler“ sehr weit oder eben auch enger aufgefasst werden kann (wir hatten das schon oft auf SM), moniere ich hier etwas anderes: Statistik ist keine Wissenschaft, sondern nur eine Methode. Und genau hier wird der geistigen Abbau ernsthafter Wissenschaftlichkeit im Westen erkennbar.

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    1. Avatar von Roland
      Roland

      Einverstanden: eine Methode nicht zur Wahrheits-, sondern zur Entscheidungsfindung. Und zwar eine gute Methode, meiner Meinung nach. Wenn die 3% (oder von mir aus enger gefasst: 10%, jedenfalls die Minderheitenposition) Recht behalten sollte, wird sich das in der Zukunft zeigen und auch in der betreffenden Wissenschaft „herausmendeln“. So ist das auch bei Einstein gewesen. Dann sind die Entscheidungen bis dahin leider auf falscher Grundlage getroffen worden und damit ebenfalls falsch. Diese Risiko ist unvermeidlich und auf alle Fälle geringer, als wenn man statt den 97% (oder meinetwegen 90%) den 3%/10% folgt. Und irgendiener Position muss man folgen.

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      1. Avatar von KJN
        KJN

        Roland, Einstein hat erstens eine in sich schlüssige und elegante (=starke, wirkmächtige) Theorie gehabt und zweitens hat seinerzeit die politische Klasse nicht ihre Entscheidungen für die Allgemeinheit abhängig von seiner Theorie gemacht. Beides überdeutliche, fundamentale Unterschiede zur ‚empirischen‘ Forschung heutzutage. Empirische Forschung als Grundlage für Politik ist als utilitaristische Ethik (ich nenne sie Schweinestallethik) eine in allen Auswirkungen menschenunwürdige Veranstaltung, wenn jegliche tiefere Sinngebung (Teleologie) wegfällt. Und das tat sie bereits. Das wurde mir in der Corona-Zeit klar. Huxleys ‚Brave New World‘ ist wieder sehr aktuell. Houellebecq diskutiert das übrigens brillant im letzten Teil seines Romans ‚Elementarteilchen‘.

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      2. Avatar von Roland
        Roland

        Ich glaube da haben wir doch sehr unterschieldiche Vorstellungen. Ja, Einstein hat eine schlüssige und elegante Theorie gehabt. Aber die Zeitgenossen mussten erst von ihr überzeugt werden. Auch der Empiriker Galileo hatte da seine Probleme. Sowas braucht Zeit.

        Bis dahin haben die Entscheidungsträger auf einer anderen Grundlage ihre Entscheidungen getroffen. Die Vorstellung, dass man besser auf gar keiner Grundlage, oder jedenfalls: auf keiner wissenschaftlichen Grundlage, Entscheidungen treffen sollte, halte ich mit Verlaub für falsch und auch für undurchführbar.

        Das hat man schon immer so gemacht, ist also kein Ereignis irgendeiner Neuzeit. Muss deshalb nicht richtig sein. Aber man konnte sogar gute Entscheidungen auf der Grundlage von falschen – nicht schlüssigen, nicht eleganten – Theorien treffen. Man hat immer die Gelehrten befragt, um sich ein Bild von der Zukunft zu machen. Wann kommt der Monsum, wie sollte man sich darauf am besten vorbereiten? Wie kann man Überflutungen des Nils am besten nutzen? Wann sind die nächsten Missernten zu erwarten? Usw.

        Das sind empirische Fragen. Klar kann man auch in die Glaskugel schauen oder auf die nächste komplexe Theorie warten, aus der man dann deduktive Ableitungen produzieren kann. Aber moderne empirische Wissenschaft, die als Entscheidungsgrundlage dient, erscheint zumindest mir nicht als Ausdruck von Schweinestallethik, nicht als menschenunwürdige Veranstaltung. Ich finde sowas gut.

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      3. Avatar von KJN
        KJN

        Klar, es gibt ja sehr triftige Gründe, den wissenschaftlichen Utilitarismus gut zu finden. Brilliant dargestellt von „Mustafa Mond“ in Huxleys Dystopie, die Houellebecq als Utopie diskutiert. Der Punkt ist der: Es gibt ein Unbehagen dabei, das viele (auch ich) empfinden. Wie der ‚Wilde‘ in dem Roman. Und ich meine auch, das hätte mit Stevans Unbehagen zu tun. Früher hätte man wohl gesagt: Mit dem technokratischen ‚Machbarkeitswahn‘. Vernunft, moralisch gefordert, gegen das Recht Fehler zu machen. Oder: Der Staat/’die‘ Wissenschaft bestimmt, welche Fehler gemacht werden dürfen..

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  11. Avatar von kryptonitetoo0a8519ce23
    kryptonitetoo0a8519ce23

    Lieber Stevan,

    bin kein Protestant. Bin gut bzw. schlecht katholisch. Denn ich lebe seit 12 Jahren in einem ehebrecherischen Konkubinat. Ohne Reue.

    Als ich 1992 mehrfach in Königsberg war, um dort eine katholische Kirche zusammenzuschrauben, fanden sich ausschliesslich

    polnische Familien

    litauische Familien

    ukrainische Familien

    deutsche Familien

    .. aus dem dortigen Völkermehl ein.

    Russen nie.

    Die gemeinsame Messe wollte keiner auf Russisch hören, obwohl alle russisch verstanden.

    Also gab es die Messe auf Latein. Diese Option finde ich noch heute grossartig.

    Übrigens „versteht“ jeder Litauer oder Pole oder Franzose oder Italiener oder Spanier die lateinische Messe.

    Weiss, an welcher Stelle man aufstehen muss und wann man sich wieder setzen darf und wann „Amen“ zu sagen ist.

    Das hat was von „Europa“.

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