„Sonndaachs geht ma in de Kirch!“ oder Gedanken zur Bewahrung der persönlichen Freiheit und Integrität.
Verblüffend, wie viele Sätze sich bereits in der früheren Kindheit (in schwarz-weiß natürlich) fest im Gehirn verankert haben. Bei mir weniger die aus dem Elternhaus, mehr die von Nachbarn, Freunden, Bekannten der Eltern, dem ‚Dorf‘, das damals auch in einer Großstadt noch existierte. Kinder mögen etwas oder nicht, unverblümt, und bauen sich ihre Welt um das was sie mögen und verstehen.
Don Camillo war für mich ein großes Thema: Damals hätte ich wohl gesagt, weil er so ‚lustig‘ ist. Seine Verhandlungen mit Jesus Christus, seinem Gewissen, in seiner kleinen Kirche habe ich nie vergessen und bereits damals war der kommunistische Bürgermeister Peppone für mich der Mann für die Außenwelt, der Politiker, der, der ‚irgendwas mit Menschen macht‘, so würden junge Frauen wohl heute sagen. Zwei sympathische Figuren im Übrigen, die, wie Erwachsene wissen, die zwei Seelen in der Brust, Jin und Yang wahrscheinlich, die Conditio humanae insgesamt verkörpern.
Schön, dass an den Autor dieser Geschichten Giovannino Guareschi von Matthias Matussek in seiner Sendung im Kontrafunk nochmal erinnert wurde. Hier nachzuhören:
https://kontrafunk.radio/de/sendung-nachhoeren/talkshow/matussek/matussek-guareschi
Dass es sich gehören könnte, Sonntags in die Kirche zu gehen, dieser Imperativ würde wohl heute als unzulässiger, ja geradezu unverschämter Eingriff in die persönliche Freiheit gelten und der kleine Stich ins Gemüt, den dieser Satz beim einen oder anderen noch auslösen könnte, wird sogleich mit dem Gebot der Toleranz und des Respekts gegenüber Juden und Muslimen betäubt, denen man ja nun solches („wegen der Kreuzzüge“) wirklich nicht zumuten darf. Jeder soll schließlich „nach seiner Façon selig werden“, so wird der aufgeklärte ‚vernünftige‘ protestantische Preußenkönig Friedrich II gerne zitiert. Ich finde der Mann hatte seine Rolle gut und richtig verstanden, er sah ein, dass es ihn schlichtweg nichts angeht. Den Regenten. Den Atheisten, Buddhisten, Hindu, Juden, Katholiken, Muslimen, Orthodoxen, griechisch oder russisch Orthodoxen und Protestanten (und -innen) aber schon, wenn er oder sie sein oder ihr Leben verstehen will. Denn dass der Regent sich nicht drum kümmern will und etwas als Privatsache erklärte heißt ja nicht, dass es nicht wichtig wäre. Allen – außer den westlich orientierten Kirchen in der Folge vom Zweiten Vatikanischen Konzil – ist das klar. Gibt man dem typischen in der Rock n’ Roll – Ersatzkirche sozialisierten Boomer oder Prä-Boomer die Frage zu bedenken, ob denn Religion nicht doch einen positiven Effekt auf die Seele und damit einen Zweck haben könnte, kommt erst mal eine Tirade mit 25x Missbrauch und dann der ‚gutgemeinte‘ Ratschlag, wer psychisch krank wäre, solle sich therapieren lassen (oder der Beste im Jogakurs werden), guten Wein trinken und ansonsten geht es uns doch allen so gut, weil die Experten und der Staat doch so gut für uns sorgt. So etwa der Ton in der urbanen Vulgärvernunft, aber auch bei großen Teilen der Landbevölkerung (denn auch die gucken schon lange Fernsehen). Hat man noch Energie und gibt weiterhin zu bedenken, dass Pädophilie in sozialen Berufen mit Jugendarbeit eher vorkommt, als z.B. im Heizungsbau oder am CERN. macht man sich unbeliebt, „weil man die Kinderf.. verteidigt“. Merke: In dem Milieu ist ‚die Kirche‘ alles schuld, Grooming Gangs dürfen aber weitermachen, weil sie in ARD und ZDF nicht vorkommen. Und merke auch: Geistige Verwahrlosung beginnt mit Bequemlichkeit beim Denken. Das nämlich wird gerne an ‚Experten‘ deligiert, die dann in möglichst kurzen Formaten, gerne kurz vor Acht und mit oft so schiefen, wie prägnanten Aussagen, die jeder versteht, Gefühle vermitteln. Z.B. das Gefühl, etwas verstanden zu haben. Nein, beim Fernsehen versteht man nichts. Jedenfalls nicht bei dem Fernsehen, das wir haben. Man wird zugestopft mit Informationen (und Meinungen!), die man nicht haben will und auch nicht braucht.
Was für eine Offenheit hingegen war möglich beim Frühschoppen nach der sonntäglichen Messe, wenn ‚der‘ auf der Kanzel wieder seine Prinzipien mit Hilfe von Bibelstellen ritt. Ich weiß nicht mehr, ob wirklich offen und ehrlich darüber diskutiert wurde, aber ich weiß, dass schon auf dem Kirchplatz diskutiert wurde und bisweilen auch heute noch.
Und nur selber denken lässt verstehen. Und dazu braucht man Zeit. Z.B. bis zum nächsten Sonntag. Und nicht schon beim nächsten die Hälfte weglassenden Bericht im öffentlich rechtlichen Rundfunk.
Bisweilen höre oder lese ich (auch hier) die Frage, was die Menschen so depressiv macht. Ich weiß nicht, ob die Menschen heute wirklich depressiver sind, als früher bzw. ob es da statistische Signifikanzen oder wie man Interpretationen darüber auch immer nennen mag, gibt, aber was ich aus eigenem Erleben weiß, ist dass Selbstwirksamkeit immer glücklich macht. Ob das wirklich durch die bösen sozialen Medien und das Internet verhindert wird, wie immer reflexhaft vermutet wird, da habe ich dann doch meine Zweifel. Weil Medien immer sozial sind und es die in vielfacher Form auch schon Jahrtausende vor dem Internet gab. Vielleicht liegt das depressive Freidrehen (Durchdrehen sagte man früher) eher daran, dass nur konsumieren Selbstwirksamkeit verhindert. Den ganzenTag im Büro am Telefon Sachen weiterdeligieren oder Excel-Tabellen ein wenig umsortieren und weiterreichen (Fließband für Akademiker), dann ins Fitnessstudio (man will ja auch noch aussehen, für LinkedIn oder Tinder) und dann vor die Glotze.. ich habe so meine Bedenken. ‚Uns geht‘s doch blendend – oder? Oder etwa nicht?? ODER ETWA NICHT???
Ich muss gerade an 1970 denken. Da wurde bei uns in der Siedlung Stadtgas durch Erdgas ersetzt und die Gasleitungen ausgetauscht. In der Nachbarschaft kam bei meinem Friseur, der 22 Jahre in Moskau lebte, die Idee auf, die alten gelben Rohre einzusammeln und daraus eine Hollywoodschaukel (Google weiß, was das ist) für den Garten zu bauen. Das Projekt erforderte zwar mehrere Mann-Monate, ein Autogenschweißgerät mit Gasflaschen musste organisiert werden und nachbarschaftliche Expertise half über viele Klippen hinweg. Ich glaube, man war in der Zeit glücklich. (Übrigens bemerkenswert international in der Nachbarschaft, was im Gegensatz zu heute damals keinen interessierte. Muss wohl an der Sorte der Internationalität gelegen haben.) In der Siedlung, in der wir viel später und mit der eigenen Familie bis 2007 lebten, wollte ein Nachbar Klettergerüste für die Kinder aufstellen, umsonst und in Eigenleistung. Das wurde durch eine Mehrheit der Eigentümergemeinschaft verhindert. Wegen Unfallgefahr und Haftungsfragen. Da war man schon nicht mehr so glücklich. (Und überhaupt nicht mehr so international, was seinerseits Umkehr-Kurzschlüsse auslösen könnte.)
Ich habe nichts gegen den Fokus auf dem Materiellen und der Sicherheit, im Gegenteil, ‚Jeder nach seiner Façon..‘ bitte, aber machen ist wichtiger, als haben und macht glücklicher, als nur existieren. Als erster Schritt zum Glücklichsein. Der zweite Schritt wäre die Frage nach dem Sinn des Machens. (Nur die komplette Bedürfnispyramide macht glücklich und es scheint egal zu sein, wie groß die ist.) Und da könnte Don Camillo wahrscheinlich eher helfen als Peppone. Weil Don Camillo in seiner kleinen Kirche mit jemandem verhandelt, der mindestens 2000 Jahre Erfahrung mitbringt, sehr wahrscheinlich noch ein paar Jahrtausende mehr (aufgrund des Elternhauses).
Peppone will auch das Richtige. Aber das ist so eine Sache, mit den irdischen Experten, auf die er angewiesen ist. Da können sich die Meinungen auf einmal schnell ändern, weil das in der Natur der Wissenschaft liegt. Wie hieß doch gleich das wirksamste Antibiotikum am Hofe der Absolutisten? Richtig: Quecksilbersulfat. Merke: Wissenschaft mag Wissen erzeugen und ist manchmal hart drauf, letztens z.B. bei ‚Corona‘. Aber sie erzeugt niemals Sinn.
Wir kommen in keiner Gesellschaft, die den Namen verdient, ohne allgemein anerkannte Werte, die in einem tieferen Sinn verankert sind, aus. Und weil letzterer so rar ist, sollte man auch mit dieser kollektiv verabreichten ‚Werte-Medizin‘ sparsam umgehen. Und sie sollte erprobt sein. Sehr lange erprobt. Wissenschaft taugt für sehr vieles, dazu nicht. Weil sie beim Wissen schaffen ständig altes Wissen verwirft, im besten Fall erweitert. Wer versucht, Werte wissenschaftlich zu fundieren, erzeugt Wahnsinn. Übrigens: Im antiken Rom übernahm stets der Magistrat, also die Politik die Verantwortung für Fehlprognosen der Auguren, den damaligen Experten. Das halte ich für eine gute Idee. Weil es die Politik zwingt, mit Wissenschaft sehr vorsichtig umzugehen.
Und in sich zu gehen. Wie Don Camillo in seiner Kirche.
22.9.2026 Klaus J. Nick
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